War: ein Jahr im Krieg

Sebastian Junger

Book 33 of Krieg

Language: German

Publisher: Pantheon

Published: Nov 1, 2010

Description:

Das Gesicht des Kriegs von heute – eine hautnahe Dokumentation

Als Korrespondent der „Vanity Fair” lebte Sebastian Junger über einen Zeitraum von insgesamt 15 Monaten zusammen mit einer Einheit von US-Soldaten im Korengal-Tal in Afghanistan, einem erbittert umkämpften Gebiet nahe der Grenze zu Pakistan. Die Angst. Das Töten. Die Liebe. Dies sind die drei Gewalten, die der Reporter erlebte, während er zusammen mit einer Gruppe junger Menschen den Alltag in einem hoch gefährdeten Außenposten zu meistern versuchte – einer umzäunten Ansammlung spärlich geschützter Bretterbuden auf einer einsamen, unwirtlichen Anhöhe im Nirgendwo. Die Angst, den nächsten Angriff, die nächste Patrouille, die nächste Nacht nicht zu überleben. Die Gewissheit, getötete Freunde, Zivilisten und Feinde sehen zu müssen, bevor die Dienstzeit im Krieg zu Ende geht und die Rückkehr in die Zivilisation verarbeitet werden will. Die Kraft, die daraus erwächst, bei jedem Schritt und jedem Handgriff Verantwortung für das Leben der anderen zu tragen.

Sebastian Junger macht deutlich, dass er nicht an Abstraktionen wie Religion, Politik oder militärischer Strategie interessiert ist, sondern daran, wie das Gesicht des Kriegs von heute aussieht. Als einer der angesehensten Journalisten und meistverkauften Buchautoren beweist Junger, dass er weit über die Grenzen dessen geht, was als „embedded” gilt. Nur zwei Dinge durfte er nicht tun: zurückschießen und im Weg stehen. Was »War« über Ort und Zeit dabei so erhaben macht, sind Jungers Ausführungen über die physischen und psychischen Extreme eines Lebens unter Beschuss und über die Gedanken und Gefühle der Soldaten. Ausgeliefert, unvorbereitet, einsam. Abhängig von der Geistesgegenwart des Nebenmanns, allein mit den traumatisierenden Erfahrungen, ohne Perspektive auf ein normales Leben nach dem Einsatz.

Ein brillanter, eindringlicher und persönlicher Mitschnitt aus dem Krieg im 21. Jahrhundert.

Pressestimmen

"Wenn jemand eine überwältigende Erfahrung macht, mit etwas konfrontiert wird, das größer ist als er, dann kann es sein, dass er religiös wird, aus Staunen und Dankbarkeit, und es kann andererseits sein, dass er versucht, die Macht dieser Erfahrung mit wissenchaftlichem Klimbim zu rationalisieren. Und dann kommt es gar nicht so selten vor, dass jemand ein Buch schreibt, das stark ist und mächtig und klar und selber eine Erfahrung wird. Für den Schreibenden und für den Lesenden. ... Sebastian Junger hat ein starkes, hartes, zärtliches Buch geschrieben. Ich wünschte mir, dass möglichst viele Leute seinen Bericht lesen und weitergeben." ( Günter Ohnemus, Die Zeit )

"Es sind die einfachen Fragen, die Sebastian Junger beschäftigen, die einfachen Fragen über Menschen, die in extreme Situationen geraten ... In seinem neuen Buch geht es um die extremste Situation, in die ein Mensch geraten kann: Krieg. ... Sebastian Junger ging es bei seinen Recherchen nicht um Afghanistan, auch nicht um Politik; die Soldaten, die er begleitete, sprechen nie über ie politischen Themen, die hinter diesem Krieg stehen. "Ich wollte etwas anderes wissen", sagt Junger, "ich wollte wissen, was es heute heißt, Soldat zu sein."" ( Guiseppe di Grazia, Stern )

"Dass Krieg schlecht ist, ist bekannt. Junger aber interessieren nicht die Wertungen von Menschen, die nicht dabei waren. Ihn interessiert, was geschieht, wenn Menschen in Gefahr sind, unter Adrenalin stehen, nur als Gruppe überleben können, wenn jeder einzelne bereit ist, für den anderen zu sterben. Das ist der patriotische Teil dieses tief skeptischen Buchs. Junger bleibt offen, moralisch, militärisch. Aber im Grunde erzählt er, dass der Krieg in Afghanistan für Amerika nicht zu gewinnen ist. Wie es Junger dabei gelingt, Interpretation aus Erzählung zu formen, ist ein wesentlicher Triumph dieses Buches. Es geht bei alldem letztlich auch um die Rolle, die Journalisten und Schriftsteller spielen, als Wirklichkeitsbeschaffer oder Besserwisser." ( Georg Diez, Der Spiegel )

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Der Journalist Sebastian Junger, geboren 1962, ausgezeichnet mit dem National Magazine Award, veröffentlichte die Reportagensammlung "Feuer" und den Weltbestseller "Der Sturm", der mit George Clooney und Mark Wahlberg verfilmt wurde, bevor er mit "Tod in Belmont" abermals in die Top Ten der Bestsellerliste und in die Debatte um nationales Selbstverständnis in den USA vorstieß. Sein auf den in "War" beschriebenen Erlebnissen beruhender Dokumentarfilm "Restrepo" erhielt den Grand Jury Prize des renommierten Sundance Film Festival.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

ANMERKUNG DES AUTORS
Diesem Buch liegen fünf Besuche zugrunde, die mich zwischen Juni 2007 und Juni 2008 ins Korengal-Tal im östlichen Afghanistan führten. Als »eingebetteter« Reporter war ich, was Kost, Unterkunft, Sicherheit und Transport betraf, hundertprozentig vom US-Militär abhängig. Abgesehen davon bin ich niemals - weder direkt noch indirekt - aufgefordert worden, meine Berichte in irgendeiner Weise zu korrigieren oder meine Notizbücher und Kameras inspizieren zu lassen. Ich arbeitete mit dem Fotojournalisten Tim Hetherington zusammen, der ebenfalls fünf Reisen ins Korengal unternahm, teils mit mir, teils auch allein. Unsere längsten Besuche dauerten einen Monat. Tim und ich drehten Videomaterial von ungefähr hundertfünfzig Stunden Länge. Das Material wurde gekürzt von ABC News gesendet und schließlich zur Grundlage eines abendfüllenden Dokumentarfilms, den Tim und ich produzierten und inszenierten. Sein Titel lautet Restrepo.
Viele Szenen in diesem Buch wurden auch auf Video festgehalten, und wann immer es möglich war, habe ich das Material benutzt, um die Korrektheit meiner Berichterstattung zu überprüfen. Dialoge oder Zitate, die in doppelter Anführung wiedergegeben sind (»^«), wurden direkt mit der Kamera aufgezeichnet oder in mein Notizbuch eingetragen, während die Person sprach beziehungsweise kurz darauf. Dialoge, an die sich jemand später erinnerte, habe ich durch einfache Anführung gekennzeichnet (>^<). Einzelne Szenen, bei denen ich nicht anwesend war, wurden aus Interviews und Videomaterial vollständig rekonstruiert.Viele Szenen in diesem Buch sind privater Natur, und ich habe diese Abschnitte mit den beteiligten Männern abgeklärt, um sicherzustellen, dass sie mit dem, was ich geschrieben habe, leben können. Ich habe einen unabhängigen Faktenkontrolleur beschäftigt, mit dessen Hilfe ich mich der unvermeidlichen Irrtümer journalistischer Arbeit erwehren wollte, und eine Bibliografie der zurate gezogenen Quellen findet sich am Ende des Buchs. In manchen Fällen habe ich Zitate aus Interviews und Texten gekürzt, um den Leser zu schonen.
Buch eins
ANGST
»Unter Feigheit verstehe ich nicht Angst. Feigheit ist ein Etikett, das wir uns für die Handlungen eines Mannes vorbehalten. Was ihm durch den Kopf geht, ist seine eigene Angelegenheit.«
Lord Moran, The Anatomy of Courage
NEW YORK CITY - Ein Jahr später
O'Byrne steht an der Ecke 9'h und 36'h Street. Er hält zwei Kaffeebecher in den Händen und hat die Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf gezogen. Es ist sechs Uhr morgens und sehr kalt. Seit unserer letzten Begegnung hat er zwanzig Pfund zugelegt, und er könnte ein Arbeiter sein, der darauf wartet, dass sich die Tore zum Baugrundstück auf der anderen Straßenseite öffnen. Jetzt, da er nicht mehr in der Army ist, soll ich ihn Brendan nennen, aber das ist mir so gut wie unmöglich. Wir schütteln uns die Hand, er reicht mir einen der Kaffeebecher, und wir gehen meinen Wagen holen. Die Verletzung auf seiner Stirn ist fast verheilt, aber ich kann noch erkennen, wo die klaffende Wunde genäht worden ist. Einer seiner Vorderzähne ist abgebrochen und sieht aus wie ein Fangzahn. Er musste eine harte Zeit durchmachen, als er nach Italien zurückkam; in mancher Beziehung war es für ihn dort gefährlicher als im Kampfeinsatz.
O'Byrne war bei der Battle Company im Korengal-Tal im Einsatz gewesen, einem schmalen Einschnitt im Vorland des Hindukusch im Osten Afghanistans, der zum Schauplatz außerordentlich brutaler Kampfhandlungen wurde. Er war nur einer von dreißig Soldaten, schien aber ein besonderes Talent zu besitzen, Dinge in Worte zu fassen, über die niemand sonst so recht reden mochte. Ich hatte in ihm allmählich einen Stellvertreter des gesamten Platoons gesehen, jemanden, der mir das Verständnis für eine Gruppe von Männern vermittelte, die sich meiner Meinung nach kaum selbst ganz verstanden. Ein Tal weiter nördlich hatten zwei Platoons der Chosen Company bei ihrem Einsatz eine Verlustrate von ungefähr achtzig Prozent zu verzeichnen. Die Battle Company hatte es nicht so hart getroffen, aber doch immerhin schwer genug. Heute Morgen werde ich Justin Kalenits interviewen, einen Verwundeten aus der Chosen Company, und O'Byrne hatte mich gebeten, dabei sein zu dürfen. Es ist ein kalter sonniger Tag mit wenig Verkehr, aber einem Nordwind, der auf offener
Strecke und auf Brücken heftig an den Autos rüttelt. Wir jagen in südlicher Richtung durch das Industrieödland von New Jersey und Pennsylvania und unterhalten uns über den Einsatz und den Platoon und wie eigenartig es ist - auf gewisse Weise für uns beide -, sich endgültig wieder in den USA zu befinden. Ich habe das Jahr damit verbracht, O'Byrnes Platoon im Korengal zu besuchen, aber das ist jetzt vorbei, und keiner von uns beiden wird den Ort je wiedersehen. Wir träumen beide nachts davon, von bizarren, unlogischen Gefechtsabläufen, die zwar nicht immer böse enden, aber doch von Angst getränkt sind und von Schrecken.
Kalenits wurde im Unterleib getroffen, und zwar bei einem Zusammenstoß, der später als Bella-Hinterhalt bezeichnet wurde. Bella war eine der fünf Firebases, die von der Chosen Company im Waygal-Tal unterhalten wurden. Anfang November gingen vierzehn Soldaten der Chosen, zwölf afghanische Soldaten, ein Marine und ein afghanischer Dolmetscher ins nahe gelegene Dorf Aranas, trafen sich dort mit Ältesten und machten sich auf den Rückweg. Sie liefen in eine Falle. Der Feind hatte durch Sandsäcke gesicherte Stellungen rings um einen Teil des Pfads errichtet, an dem es keine Deckung gab und die einzige Fluchtmöglichkeit darin bestanden hätte, von einer Klippe zu springen. Wie durch ein Wunder hielt die Chosen dem Feind stand. Sechs Amerikaner und acht Afghanen kamen ums Leben, und alle anderen wurden verwundet. Seit Vietnam hat keine amerikanische Patrouille hundertprozentige Verluste hinnehmen müssen.
Wir biegen ins Walter Reed Army Medical Center ein und parken vor Ab- rams Hall, wo Kalenits sich aufhält. Wir finden ihn in seinem Zimmer. Er sitzt im Dunkeln, raucht und sieht fern. Die Jalousien sind geschlossen, und Zigarettenrauch kräuselt sich in den Lichtstreifen, die durch die Lamellen fallen. Ich frage Kalenits, wann ihm zum ersten Mal bewusst wurde, dass sie in einen Hinterhalt geraten waren, und er sagt, das sei gewesen, als ihm der Helm vom Kopf geschossen wurde. Fast gleichzeitig wurde er dreimal in die Brust getroffen und zweimal in den Rücken. Dann musste er mit ansehen, wie ein Geschoss seinen besten Freund in die Stirn traf und dessen Hinterkopf zerbersten ließ. Kalenits sagt, als er das sah, sei er nur noch »in blankes Entsetzen« verfallen.
So viel Mündungsfeuer blitzte um sie auf, dass man meinen konnte, die Berge seien mit Christbaumschmuck behängt. Die Geschosse, die Kalenits getroffen hatten, waren von seiner ballistischen Weste gestoppt worden, aber eines traf ihn schließlich in die linke Gesäßhälfte. Es zertrümmerte sein Becken, zerriss seine Gedärme und trat dann durch den Oberschenkel aus. Kalenits war überzeugt, dass es eine Arterie durchtrennt hatte, und er gab sich nur noch drei Minuten Zeit zu leben. Er erspähte ein feindliches MG-Team, das fünfzig Meter entfernt auf einem Hügel Stellung bezog, und schoss darauf. Er sah die Männer fallen. Er verschoss seine gesamte Munition bis auf ein Magazin, das er für den Moment aufbewahrte, wenn der Feind zu Fuß durchbrach, um alle niederzumachen.
Durch den Blutverlust schwand Kalenits langsam das Bewusstsein, und er gab seine Waffe einem anderen Mann. Dann setzte er sich. Er musste zusehen, wie einem Freund namens Albert ins Knie geschossen wurde, ins Bein und in beide Arme und dass er am Steilhang abzurutschen drohte. Kalenits' Teamlea- der packte den Mann und versuchte, ihn zurückzuziehen, aber sie lagen so sehr unter Beschuss, dass sie in Gefahr gerieten, beide erschossen zu werden. Albert rief seinem Teamleader zu, er solle...